Gedichte inspirieren nicht nur zum Denken, sondern demonstrieren oft die Kraft der kurzen Worte, das Auf-Den-Punkt-Bringen. Warum also immer (zu)viele Silben verlieren – das machte Goethe übrigens auch nicht.

Nach Norden


Palmström ist nervös geworden;
drum schläft er jetzt nach Norden.
Denn nach Osten, Westen, Süden
schlafen, heißt das Herz ermüden.
(Wenn man nämlich in Europen 
lebt,
nicht südlich in den Tropen.)
Solches steht bei den Gelehrten,
die auch Dickens schon bekehrten –
und erklärt sich aus dem steten
 Magnetismus des Planeten.
Palmström also heilt sich örtlich,
nimmt sein Bett und stellt es nördlich.
Und im Traum, in einigen Fällen,
hört er den Polarfuchs bellen.



West-östlich


Als er dies v. Korf erzählt,
fühlt sich dieser leicht gequält;
denn für ihn ist Selbstverstehung,
daß man mit der Erdumdrehung
schlafen müsse,
mit den Pfosten
seines Körpers strikt nach Osten.
Und so scherzt er
kaustisch-köstlich:
„Nein, mein Diwan
 bleibt – west-östlich!“

Christian Morgenstern (1871 – 1914),
deutscher Schriftsteller, Dramaturg, Journalist und Übersetzer

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